Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

Die 300-Jahr-Feier des Astronomischen Recheninstituts

Festakt zum 300jährigen Jubiläum des Astronomischen Rechen-Instituts am 10. Mai 2000

Programm des Festaktes

 

Musikalischer Auftakt

Ludwig van Beethoven:

Trio B-Dur op. 11, 1. Satz, Allegro con brio

Begrüßung

Professor Dr. Jürgen Siebke,

Rektor der Universität Heidelberg

Professor Dr. Roland Wielen,

Direktor des Astronomischen Rechen-Instituts

Ansprachen und Grußworte

Klaus von Trotha, MdL,

Minister für Wissenschaft, Forschung und Kunst

des Landes Baden-Württemberg

Beate Weber,

Oberbürgermeisterin der Stadt Heidelberg

Professor Dr. Christof Wetterich,

Dekan der Fakultät für Physik und Astronomie

Professor Dr. Erwin Sedlmayr,

Vorsitzender der Astronomischen Gesellschaft

Professor Dr. Roland Wielen

,,Das Kalender-Patent vom 10. Mai 1700 und

die Geschichte des Astronomischen Rechen-Instituts''

Festvortrag

Professor Dr. Hermann Haupt

Universität Graz

,,Kalender machen - gestern und heute''

Musikalischer Ausklang

Joseph Haydn:

Trio G-Dur Hob. XV:25, 3. Satz, Finale Presto.

Ausführende vom Collegium Musicum der Universität:

Matthew Larkum (Violine), Sebastian Kammerer

(Violoncello), Raphael Sobotta (Klavier)

 

 

Prof. Dr. Roland Wielen

Direktor des Astronomischen Rechen-Instituts

 

Begrüßung

auf dem Festakt am 10. Mai 2000

  

Meine Damen und Herren,

 nachdem der Rektor, Herr Kollege Siebke, Sie im Namen der Universität begrüßt hat, darf ich Sie jetzt im Namen des Astronomischen Rechen-Instituts bei diesem Festakt herzlich willkommen heißen.

 Ich freue mich besonders, daß Herr Minister von Trotha als zuständiger Ressort-Minister zu uns sprechen wird. Ich danke ihm dafür sehr herzlich. Herr von Trotha ist übrigens noch zusätzlich zu seinem Ministeramt für eine solche Rede zur 300-Jahrfeier des Astronomischen Rechen-Instituts besonders qualifiziert, weil er wie das Institut in Berlin geboren ist. Ich wage kaum zu sagen, daß ich auch aus Berlin stamme, denn sonst kommt noch der Eindruck auf, daß der Festakt von Berlinern (einschließlich meines Berliner Kollegen, Herrn Sedlmayr) beherrscht wird, obwohl sich das Institut doch jetzt hier in Heidelberg befindet.

 Heidelberg ist aber dem Institut seit 1945 wirklich zur zweiten Heimat geworden. Ich freue mich daher sehr, daß die Oberbürgermeisterin der Stadt Heidelberg, Frau Weber, dem Institut hier persönlich die Glückwünsche der Stadt zum 300. Geburtstag des Instituts überbringt.

 Der Rektor, Herr Kollege Siebke, hat bereits für die Universität als Ganzes gesprochen, mit der das Institut eng verbunden ist. Ich danke ihm außerordentlich dafür, daß er diesen Festakt hier mitveranstaltet. Das Institut ist innerhalb der Universität der Fakultät für Physik und Astronomie zugeordnet. Ich freue mich daher sehr, daß Herr Kollege Wetterich als Dekan unserer Fakultät ebenfalls das Wort ergreifen wird.

Als Vertreter der deutschen Astronomen ist Herr Kollege Sedlmayr zu uns gekommen. Er ist der Vorsitzende der Astronomischen Gesellschaft, in der die deutschsprachigen Astronomen vereinigt sind. Ich finde es einen besonders passenden Moment für unseren Festakt, daß jetzt gerade Herr Sedlmayr Vorsitzender der Astronomischen Gesellschaft ist, und zwar aus zwei Gründen. Erstens leitet Herr Sedlmayr als Ordinarius das astronomische Institut in Berlin, der Stadt, aus dem das Astronomische Rechen-Institut stammt. Zweitens bin ich persönlich dankbar, daß Herr Sedlmayr hier ist, weil er mein direkter Nachfolger auf dem Berliner Lehrstuhl ist, den ich selbst über sieben Jahre inne hatte.

Als Festredner begrüße ich mit besonderer Freude Herrn Kollegen Haupt, der lange Zeit als Ordinarius das astronomische Institut der Universität Graz geleitet hat. Lieber Herr Haupt, ich bin Ihnen sehr dankbar, daß Sie die Aufgabe des Festvortrages übernommen haben. Sie sind aus meiner Sicht für dieses Thema die ideale ,,Besetzung''. Ich darf den Zuhörern erklären, daß Sie, Herr Haupt über 20 Jahre lang den Kalender für Österreich erstellt haben und daher nicht nur theoretisch alles über Kalender wissen, sondern eben auch aus der direkten Küche eines Kalendermachers berichten können. Ich sollte übrigens noch erklären, daß das Verb ,,machen'' im Zusammenhang mit der Kalenderherstellung nicht etwa sprachliche Schlamperei ist, sondern ein altes, traditionelles Wort, das bereits in alten deutschen Texten so vorkommt. Es ist wohl als ähnlich traditionell aufzufassen wie das ,,machen'' in der Berufsbezeichnung Schuhmacher.

Meine Damen und Herren, ich begrüße Sie alle sehr herzlich zu diesem Festakt, auch wenn ich nicht jeden hier persönlich nennen kann. Bei einem Mitglied des Instituts möchte ich aber doch eine Ausnahme machen: Ich begrüße hiermit Herrn Professor Gondolatsch. Herr Gondolatsch ist das älteste Mitglied des Instituts. Er wird in wenigen Wochen 96 Jahre alt. Herr Gondolatsch kam bereits 1927 an das damals noch in Berlin befindliche Institut. Er hat auch noch in Berlin habilitiert und wurde dort zum Dozenten ernannt. Von 1945 bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1969 war er stellvertretender Direktor des Instituts. Er hat für das Institut nicht nur viel geleistet, sondern ist auch eine stets bereite Quelle für die Berliner Institutsgeschichte. Sein bisheriges Leben überspannt ja fast 1/3 der Geschichte des Instituts. An der Universität Heidelberg hat Herr Gondolatsch über Jahrzehnte hinweg als außerplanmäßiger Professor Astronomie gelehrt. Ich wünsche Ihnen, Herr Gondolatsch, weiterhin Gesundheit und die perfekte geistige Frische, die Sie in Ihrem hohen Alter immer noch auszeichnet. Ich freue mich sehr, daß Sie an diesem Festakt teilnehmen.

 Wir haben auch Mitglieder des Hauses Hohenzollern, das ja die Gründung des Instituts veranlaßt hat, zu diesem Festakt eingeladen. Leider weiß ich nicht, ob jemand dieser Einladung gefolgt ist, da uns keine Zusage erreicht hat. Auf jeden Fall haben wir ein Schreiben der ,,Generalverwaltung des vormals regierenden Preußischen Königshauses'', wie der Briefkopf lautet, erhalten, in dem uns Glück und Segen für den Festakt und unsere zukünftige Arbeit gewünscht wird. Dafür sind wir dankbar.

 Ich darf jetzt Herrn Minister von Trotha bitten, zu uns zu sprechen.

 

Prof. Dr. Roland Wielen

Direktor des Astronomischen Rechen-Instituts

 

 

Ansprache

auf dem Festakt am 10. Mai 2000

 

Das Kalender-Patent vom 10. Mai 1700 und die Geschichte

des Astronomischen Rechen-Instituts

 

Das Astronomische Rechen-Institut betrachtet das Kalender-Patent vom 10. Mai des Jahres 1700 als seine Gründungsurkunde. Ich möchte Ihnen hier kurz schildern, wie es zu diesem Kalender-Edikt kam und was sein Inhalt ist, und Ihnen dann einen ganz kurzen Abriß der weiteren Geschichte des Instituts geben.

 Das Kalender-Patent hat eine vielfältige Vorgeschichte. Im Jahre 1582 reformierte der Papst Gregor XIII. den vor über 1600 Jahren von Julius Caesar eingeführten ,,julianischen Kalender'' . Im nach Gregor XIII. benannten ,,gregorianischen Kalender'' , den wir noch heute unverändert benutzen, wurde durch eine verbesserte Schaltregel die mittlere Jahreslänge im Kalender besser an die astronomische Wirklichkeit angepaßt. Ferner wurde die Bestimmung des Datums des Osterfestes ebenfalls verbessert. Ostern soll immer auf den ersten Sonntag nach dem ersten Vollmond nach Frühlingsbeginn fallen. Um aber die Berechnung von Ostern nicht zu stark zu ändern, fiel hier die Reform weniger genau aus, sodaß der konventionelle Ostertermin vom astronomisch ,,wahren'' Datum manchmal um eine Woche oder mehr abweichen kann.

 Die Kalenderreform löste allerdings sofort politische Probleme aus. Während die katholischen Staaten die Reform akzeptierten, taten dies die protestantischen Länder zunächst nicht. Denn der Papst hatte in seiner Bulle ausdrücklich betont, daß es sein Recht als Kirchenoberhaupt sei, eine solche Kalenderänderung anzuordnen. Dies war für die Protestanten natürlich ein rotes Tuch. Deshalb scheiterten auch über ein Jahrhundert lang alle Versuche, etwa des deutschen Kaisers, für das deutsche Reich einen einheitlichen Reichskalender einzuführen.

 Andererseits sahen auch die Protestanten den gravierenden Nachteil von zwei parallel laufenden Kalender, die sich um 10 Tage und in der Lage der kirchlichen Feiertage unterschieden. Schon aus wirtschaftlicher Vernunft war hier ein Kompromiß angezeigt.

 Da verfiel man auf einen politisch genialen Ausweg. Die evangelischen Reichstände auf dem immerwährenden Reichstag zu Regensburg, also in unserer heutigen Terminologie die evangelische Fraktion im Reichstag, beschloß im September des Jahres 1699, einen sogenannten ,,Verbesserten Kalender'' ab dem Jahre 1700 einzuführen, der sich strikt an den astronomischen Tatsachen orientieren sollte. Da nun der gregorianische Kalender schon astronomisch sehr gut war, ergab sich de facto eine Identität zwischen dem katholischen gregorianischen Kalender und dem evangelischen verbesserten Kalender, ohne daß die Protestanten offiziell dem Papst folgen mußten. Im Jahre 1700 hätte sich übrigens die Kalenderdifferenz wegen der neuen gregorianischen Schaltregel für 1700 erstmals um einen weiteren Tag auf 11 Tage erhöht. Insofern erschien 1699 offenbar besonderer Handlungsbedarf gegeben.

 Allerdings gab es einen kleinen Schönheitsfehler beim Osterfest, das ja das ganze Kirchenjahr bestimmt (einschließlich so wichtiger Daten wie Fastnacht, denn der Rosenmontag liegt immer exakt sieben Wochen vor dem Ostermontag). Da die gregorianische Osterberechnung ein Weniges von den astronomischen Tatsachen abweicht, treten ungefähr alle 20 Jahre unterschiedliche Osterfeste auf. Hier hat erst Friedrich der Große, der ja nicht religiös gebunden war, im Jahre 1775 die evangelischen Reichsstände zur vollen Übernahme des gregorianischen Kalenders als sogenannten ,,Allgemeinen Reichskalender'' bewegen können.

 Die Einführung eines astronomisch perfekten Kalenders durch die evangelischen Reichsstände war aber nun ein besonderer Glücksfall für die Astronomen, denn die wurden jetzt offiziell und langfristig für die Kalenderherstellung benötigt. Daraus ergab sich die Institutionalisierung einer astronomischen Einrichtung, die noch heute in Form des Astronomischen Rechen-Instituts weiterbesteht, wenn auch natürlich mit drastisch geänderten Zielsetzungen.

 Zu den mächtigsten evangelischen Reichsfürsten zählte 1700 der brandenburgische Kurfürst, Friedrich III. In seinem Kalender-Patent vom 10. Mai 1700 wurden nun die Astronomen offiziell inthronisiert und andere Fragen der Kalenderherstellung geregelt. Ich will nicht verschweigen, daß es einen weiteren Anlaß für das Kalender-Patent gab, nämlich die Idee der Gründung einer brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Eine solche Einrichtung gereichte einem Fürsten sehr zur Zierde, denn Frankreich und England hatten eine solche Institution bereits. Der Kurfürst, der so gerne König werden wollte und dies auch tatsächlich im Jahre 1701 als Friedrich I., König in Preußen, erreichte, war dafür besonders empfänglich. In sachlicher Hinsicht war der Universalgelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz der Antriebsmotor für die Akademie. Er hatte aber auch das Glück, die Kurfürstin Sophie Charlotte aus Hannover her gut zu kennen. Dem ständigen Drängeln seiner Ehefrau auf Einrichtung einer astronomischen Institution und einer Akademie konnte der Kurfürst wohl nicht widerstehen. So etwas soll ja manchmal noch heute vorkommen.

 Nun hätte die Einstellung von Astronomen und weiteren Akademie-Mitgliedern aber noch an den fehlenden Finanzen scheitern können. Herr Minister von Trotha wird sicher bestätigen können, daß finanzielle Probleme die besten Ideen stoppen können. Aber auch hier verfiel man auf einen genialen Ausweg. Der von den Astronomen zu berechnende ,,verbesserte Kalender'' erhielt erstens für Brandenburg-Preußen ein Monopol oder Privileg. Fremde Kalender durften nur in extremen Ausnahmefällen verkauft und verwendet werden. Zweitens aber, und das ist der wirklich springende Punkt, erhob man eine neue Steuer auf den verbesserten Kalender. Diese Idee stammte von dem Jenaer Universitätsprofessor der Mathematik, Erhard Weigel, und wurde von Leibniz begeistert aufgenommen. Da der Kalender neben der Bibel das verbreitetste Buch im Lande war, genügte eine relativ niedrige Steuer, um daraus die Gehälter der Astronomen und der anderen Akademiemitglieder zu bezahlen. Über 150 Jahre lang hat dies weitgehend funktioniert. Mit Bedauern muß ich feststellen, daß das Kalendermonopol im 19.Jahrhundert auslief und daß das Astronomische Rechen-Institut den Landesetat auf diese Weise leider nicht mehr verstärken kann.

 Ein weiterer Inhalt des Kalender-Patents sind die Strafbestimmung für Übeltäter, die doch fremde Kalender benutzen. Hier wird schon, wie heute auch bei Drogen, zwischen Dealern und Kleinverbrauchern unterschieden. Ein Händler zahlt 100 Thaler pro Stück Strafe, ein Endverbraucher nur 6. Besonders einfallsreich erscheint mir aber der Passus, daß ein Denunziant, dessen Name auch geheim zu halten sei, 1/5 des Bußgeldes als Belohnung erhält. Würde man dies heute für Parksünder einführen, wären die Straßen sicher voll von selbst ernannten Wächtern auf der Suche nach einem leichten Nebenverdienst.

 Für uns heute besteht rückblickend das wichtigste Resultat des 300 Jahre alten Kalender-Patents in der Gründung einer permanenten astronomischen Einrichtung, aus der sich dann das Astronomische Rechen-Institut entwickelt hat. Wie waren die weiteren Schicksale dieser Einrichtung und warum befindet sich das Institut heute in Heidelberg, obwohl es in Berlin gegründet wurde ?

 Der erste Astronomo ordinario wurde bereits 8 Tage nach dem Erlaß des Kalender-Patents eingestellt. Es war Gottfried Kirch, der bereits vorher privat Kalender berechnet hatte. Aber er und seine Mitarbeiter waren mit der Kalenderberechnung nur teilweise ausgelastet und begannen sofort mit astronomischer Grundlagenforschung, sowohl auf theoretischem als auch auf beobachterischem Gebiet.

 Ab 1774 wurde zusätzlich ein sozusagen mehr wissenschaftlicher Kalender in Form des Berliner Astronomischen Jahrbuchs herausgegeben. Dieses Jahrbuch enthielt astronomische Ephemeriden, d.h. Vorausberechnungen der Positionen von Sonne, Mond, großen Planeten, später auch Kleinen Planeten, und von ausgewählten Sternen. Das Jahrbuch erschien pünktlich Jahr für Jahr, auch während vieler Kriegszeiten. Nach 184 Jahrgängen wurde es 1959 aufgrund internationaler Vereinbarungen in dieser Form eingestellt. Seit 1960 veröffentlicht das Astronomische Rechen-Institut das Ephemeriden-Werk der ,,Scheinbaren Örter der Fundamentalsterne'', das übrigens ab 2000 on-line im Internet abrufbar ist.

 Lange Zeit war die Berechnung der Jahrbuchdaten die Hauptarbeit der Berliner Astronomen. Im Jahre 1874 erfolgte in Berlin eine Trennung der Astronomen in einen theoretischen und einen beobachterischen Teil. Die Mehrzahl der Astronomen war im jetzt so genannten Astronomischen Rechen-Institut tätig, der Rest in der Berliner Sternwarte. 1896 erhielt das Institut als ,,Königliches Astronomisches Rechen-Institut'' seine volle Selbständigkeit.

 Übrigens ist das Institut nicht nur heute, sondern bereits seit 1874 in Forschung und Lehre zugleich tätig, wie Humboldt es forderte. Denn dem Institut war seit 1874 ein Seminar der Berliner Universität für die Ausbildung von Studierenden im wissenschaftlichen Rechnen angeschlossen. Die besten der Studenten durften sogar kostenlos im Institut wohnen. Dies gibt es heute allerdings nicht mehr. Unsere heutige Ausbildung hilft aber immer noch ein Wenig, den Bedarf an Informatikern, wie man sie heute nennt, zu decken.

Ein eigenes Gebäude erhielt das Institut bereits 1874 im heutigen Berlin-Kreuzberg. 1912 wurde es in den neuen ,,Wissenschaftspark'' in Berlin-Dahlem verlegt, quasi in das Berliner ,,Neuenheimer Feld'' .

 Wie kam es nun zur Verlegung von Berlin nach Heidelberg ? Schuld war der Zweite Weltkrieg. Es begann im Mai 1944 mit der Unterstellung des Instituts unter die deutsche Kriegsmarine. Das Institut war sicher nicht militärisch orientiert, obwohl astronomische Daten bekanntlich für Navigationszwecke nützlich sein können. Aus meiner Sicht war es ein genialer Schachzug des damaligen Direktors, Professor August Kopff, die Wehrmacht zu überzeugen, daß die ganz normale Arbeit des Astronomischen Rechen-Instituts als kriegswichtig gelten müsse. Durch die Unterstellung unter die Kriegsmarine galten die Mitarbeiter des Instituts automatisch als Militärangehörige und waren vor eigentlichen Kriegseinsätzen, etwa in Rußland, weitgehend sicher. Herr Kopff hat so vielen Astronomen vermutlich das Leben gerettet.

Wie wenig die Astronomen weltweit aber ihre Aufgaben als ,,kriegsentscheidend'' ansahen, erkennt man daraus, daß der Austausch der astronomischen Vorausberechnungen zwischen Deutschland, England und Amerika bis zum Kriegsende 1945 reibungslos über das neutrale Schweden funktionierte. Ich bin immer noch erstaunt darüber, daß kein Zensor diesen sicher offiziell unzulässigen Datenaustausch zwischen den feindlichen Militäreinrichtungen aufgedeckt und gestoppt hat.

 Berlin wurde 1944 immer stärker von den Westalliierten bombardiert. Deshalb wurde das Institut im Juli 1944 aus Berlin evakuiert und in den kleinen Ort Sermuth in Sachsen verlagert. Dieser Ort wurde im April 1945 von amerikanischen Truppen erobert. Das Gebiet wurde erst einige Monate später von den Amerikanern an die Russen übergeben im Austausch gegen die Westsektoren von Berlin. Vor ihrem Abzug schickte die amerikanische Armee das Institut nach Heidelberg, um es nicht den Russen in die Hände fallen zu lassen. Heidelberg als Hauptquartier der amerikanischen Armee war naheliegend. Aber auch Herr Kopff war sicher für Heidelberg. Er war hier geboren, hatte an der Universität Heidelberg studiert und gelehrt und an der Sternwarte gearbeitet, hatte Familienangehörige in Heidelberg und wußte daher auch, daß Heidelberg unzerstört geblieben war und daher dem Institut am ehesten eine neue Heimstatt werden konnte.

 Seit 1945 ist das Astronomische Rechen-Institut in Heidelberg nun ein Landesinstitut, das aber mit der Universität sehr eng verbunden ist. Der Direktor ist Ordinarius für Theoretische Astronomie der Universität, und es gibt vielfältige sonstige Verbindungen in Lehre, Forschung und Verwaltung.

 Bis 1960 befanden sich die meisten Räume des Instituts hier in der Altstadt, fast geraderüber von der Alten Universität, dort wo heute die Triplexgebäude mit der Mensa stehen. Dann erfolgte der Umzug in einen Neubau in Heidelberg-Neuenheim in der Mönchhofstraße.

 Was sind die heutigen Aufgaben des Instituts ? Natürlich berechnen wir immer noch die astronomischen Grundlagen für den Kalender in Deutschland. Wenn Sie in Ihren Taschenkalender schauen, stammen die meisten Kalenderangaben, z.B. Sonnen- und Mond-Auf- und -Untergänge aus einer speziellen Publikation des Instituts, die die Kalenderverleger nutzen. Der Aufwand des Instituts für die Kalenderberechnung ist zwar heute vernachlässigbar klein, aber im Resultat immer noch wichtig und aus Tradition beibehalten. Heute ist aber die wichtigste Aufgabe des Instituts die Grundlagenforschung auf dem Gebiet der Astronomie.

 Dabei stehen zwei Forschungsgebiete im Mittelpunkt der Institutsarbeit: die Astrometrie und die Stellardynamik. In der Astrometrie steht die Frage im Vordergrund, wie sich die Sterne bewegen. Die Stellardynamik versucht dann zu erklären, warum sich die Sterne so bewegen.

 Die Astrometrie beschäftigt sich mit der möglichst genauen Bestimmung der Positionen von Sternen und besonders ihrer zeitlichen Veränderung. Daraus lassen sich die Entfernungen und die Tangentialgeschwindigkeiten der Sterne ableiten. Wir benutzen hierfür auch modernste Technologie. Zum Beispiel war das Institut in den letzten Jahren führend beteiligt an der Planung, Durchführung und Auswertung des speziellen Astrometrie-Satelliten HIPPARCOS der Europäischen Raumfahrt-Behörde ESA. Im Augenblick plant das Institut federführend einen neuen astrometrischen Kleinsatelliten namens DIVA. Auch an der Planung des nächsten Astrometriesatelliten GAIA der ESA wirkt das Institut mit. Hier spürt man übrigens, daß astronomische Projekte oft auch astronomisch hohe Kosten verursachen. HIPPARCOS hat die ESA über eine Millliarde Mark gekostet, und auch der ,,Kleinsatellit'' DIVA benötigt ungefähr 100 Millionen Mark an Kosten. Dagegen ist die sich dann anschließende Institutsarbeit, finanziell gesehen, fast ,,preiswert'' zu nennen.

 In der Stellardynamik befaßt sich das Institut mit der dynamischen Entwicklung vieler astronomischer Objekte: ich nenne hier sonnennahe Sterne, Sternhaufen, unsere eigene Milchstraße, fremde Galaxien, schwarze Löcher in dem Kerngebiet von Galaxien, wechselwirkende Galaxien und Strukturbildung im expandierenden Universum. Dabei steht oft der Einsatz besonders schneller Rechenanlagen für numerische Simulationen im Vordergrund. Aus diesem Grunde befand sich auch das erste Rechenzentrum der Universität Heidelberg im Astronomischen Rechen-Institut. Heute benutzen wir einerseits externe Supercomputer. Andererseits befindet sich im Institut auch ein Spezialrechner, in dem das Newtonsche Gravitationsgesetz so zu sagen fest verdrahtet ist, und der dadurch sehr schnell und trotzdem relativ preiswert ist. Auf diesem Gebiet planen wir derzeit mit anderen Kollegen aus Heidelberg und Mannheim weitere wichtige technologische Neuerungen.

 Der Schwerpunkt meines Vortrages lag sicher auf der Geschichte des Kalender-Patents und des Instituts, denn dies entspricht dem Anlaß unseres heutigen Festaktes, nämlich des 300. Jahrestages des Kalender-Patents als Gründungsurkunde des Instituts. Sie sollten aber daraus nicht den falschen Schluß ziehen, daß das Institut rückwärtsgewandt sei. Natürlich ist das Institut auf seine 300jährige Vergangenheit stolz. Nur wenige astronomische Einrichtungen haben ein solches Alter vorzuweisen. Die heutige Arbeitsweise des Instituts ist aber völlig an der Gegenwart und Zukunft orientiert, unter Nutzung aller möglichen Technologien und Medien. Daß wir auch den neuen Medien sehr offen gegenüber stehen, mögen Sie daraus entnehmen, daß wir zur Zeit über 10 000 Seiten im Internet anbieten und damit in der Universität einen Spitzenplatz belegen.

 Die Aufgaben des Instituts haben sich in den 300 Jahren seit 1700 oft und einschneidend verändert. Das Institut war aber immer in der Lage, derartige Veränderungen vorzunehmen und gut zu bewältigen. Ich bin sicher, daß das Institut auch in den kommenden Zeiten seine Aufgaben erfüllen kann und stets neue Zielsetzungen offensiv anpacken wird. In diesem Sinne blicke ich aus einer 300jährigen Vergangenheit durchaus optimistisch in die Zukunft des Astronomischen Rechen-Instituts.

 

Ergänzende Informationen zum Festakt:

 

1. Zeit-Tafel:

(1582 Einführung des Gregorianischen Kalenders

durch Bulle des Papstes Gregor XIII.)

(23. September 1699 Conclusum des Corpus Evangelicorum zu

Regensburg über die Einführung des ,,Ver-

besserten Kalenders'')

10. Mai 1700 Erlaß des Kalender-Patents durch den bran-

denburgischen Kurfürsten Friedrich III.

18. Mai 1700 Ernennung von Gottfried Kirch zum ersten

Berliner `Astronomo ordinario'.

Er bearbeitet den ersten ,,Verbesserten Ka-

lender'' für 1701.

11. Juli 1700 Gründung der Brandenburgischen Akademie

der Wissenschaften (Erster Präsident: Gott-

fried Wilhelm Leibniz)

ab 1774 Herausgabe des Ephemeriden-Werkes

,,(Berliner) Astronomisches Jahrbuch''

(184 Jahrgänge für 1776 bis 1959).

Ab 1960: Herausgabe der

'Apparent Places of Fundamental Stars'.

13. Dezember 1775 Auf Antrag Friedrichs des Großen über-

nimmt das Corpus Evangelicorum die gre-

gorianische Osterberechnung für den ,,All-

gemeinen Reichskalender''

1835 Schinkel-Bau der Berliner Sternwarte in

Berlin-Kreuzberg bezogen

1874 Das ,,Rechen-Institut zur Herausgabe des

Berliner Astronomischen Jahrbuchs und Se-

minar zur Ausbildung von Studi(e)renden in

wissenschaftlichen Berechnungen'' wird von

der Sternwarte organisatorisch getrennt und

erhält einen eigenen Leiter (,,Dirigent'').

 1874 Bezug des Neubaus für das Rechen-Institut auf

dem Sternwarten-Gelände in Berlin-Kreuzberg

1896/97 ,,Königliches Astronomisches Rechen-Institut''.

Damit wird das Institut eine völlig selbständi-

ge Einrichtung. Der Direktor des Instituts ist

zugleich Ordinarius für Theoretische Astrono-

mie der Universität. Dem Institut angeschlossen

bleibt das ,,Seminar zur Ausbildung von Stu-

di(e)renden im wissenschaftlichen Rechnen an

der Königlichen Universität zu Berlin''.

1912 Umzug des Instituts in den Neubau in Berlin-

Dahlem (eigentlich in Lichterfelde gelegen)

1939 Umbenennung in Coppernicus-Institut

1943 Neue Schreibweise: Kopernikus-Institut

Mai 1944 Unterstellung des Instituts unter die deutsche

Kriegsmarine: ,,Astronomisches Rechen-Institut

der Kriegsmarine''

Juli 1944 Evakuierung aus Berlin nach Sermuth

in Sachsen

April 1945 Einnahme des westlichen Teils von Sermuth

durch amerikanische Truppen

Juni 1945 Verlagerung des Hauptteils des Instituts nach

Heidelberg

seit Juli 1945 Landesinstitut mit enger Anbindung an die Uni-

versität Heidelberg

1945-1960 Provisorische Unterbringung des Instituts in der

Heidelberger Altstadt

1957 Teil-Umzug in einen Altbau in Heidelberg-

Neuenheim, Mönchhofstraße 12-14

1960 Bezug eines zusätzlichen Neubaus in

Heidelberg-Neuenheim

10. Mai 2000 300. Jahrestag des Kalender-Patents

 

 

2. Presse-Mitteilung der Universität Heidelberg :

 Astronomisches Rechen-Institut

beging 300. Geburtstag

 

Rektor Prof. Dr. Jürgen Siebke überbrachte Glückwünsche der Universität Heidelberg bei einem Festakt in der Alten Aula – "Das Astronomische Rechen-Institut hat in Heidelberg große Erfolge erzielt" – Heidelberger Rektor kritisierte Forschungspolitik der Bundesregierung und der Europäischen Union

300. Geburtstag des Astronomischen-Rechen-Instituts

Heute beging das Astronomische Rechen-Institut in Heidelberg seinen 300. Geburtstag. Das Institut wurde in Berlin gegründet und hat seinen Ursprung im sogenannten Kalender-Patent vom 10. Mai 1700. Bei einem Festakt in der Aula der Alten Universität überbrachte Rektor Prof. Dr. Jürgen Siebke die herzlichen Glückwünsche der Ruprecht-Karls-Universität. "Das Astronomische Rechen-Institut hat in Heidelberg große Erfolge erzielt", sagte Siebke. Diese Erfolge gingen darauf zurück, dass sich die Institution ergebnis-offener Forschung zugewandt habe. Siebke kritisierte die einseitig auf schnellen Wissens- und Technologietransfer ausgerichtete Forschungspolitik der Bundesregierung und der Europäischen Union.

"Jede Institution, die ein so langes Leben durchlebt und manchmal auch durchlitten hat, durchlief Höhen und Tiefen ihrer Entwicklung", sagte Siebke mit Blick auf das Astronomische Rechen-Institut. "Höhen werden in der Regel selbst gestaltet. Tiefen sind oftmals von außen aufgezwungen – ohne zu leugnen, dass gelegentlich auch eigenes Verschulden vorliegt." 245 Jahre war Berlin Sitz des Instituts. Heidelberg ist neuer Standort infolge der Wirren der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg geworden.

 "Vielleicht spiegelt sich diese geschichtliche Wellenbewegung auch in der Bezeichnung der Gründer des Kalender-Patents und der Träger des heutigen Astronomischen Rechen-Instituts wider", sagte Siebke. Der Begründer des Kalender-Patents war noch zeitgeschichtlich widerspiegelnd erhaben benannt, spiegelt in seiner Namensgebung aber auch die Zersplitterung des Deutschen Reiches um 1700 wider: Friedrich der Dritte, Markgraf zu Brandenburg, des Heiligen Römischen Reichs Ertz-Camerer und Churfürst, in Preussen, zu Magdeburg, Cleve, Jülich, Berge, Stettin… bis hin zu Lauenburg und Bütow.

 Anlass der Gründung von unmittelbarer praktischer Bedeutung

 Diese Vielfältigkeit der gebietlichen Aufgaben der politischen Herrscher habe dem Kalender-Patent wahrscheinlich Autonomie erbracht, zumal die Existenz der Institution lange Zeit ausschließlich aus den Einnahmen des Kalenderpatents, also dem Verkauf der Arbeitsergebnisse ihrer Astronomen, finanziert wurde. Siebke: "Das war das, was die Politik heute so hochlobend den schnellen Wissens- und Technologietransfer nennt." Der Anlass der Gründung damals war von unmittelbarer praktischer Bedeutung. Es galt, die Kosten von zwei parallel laufenden Kalendern, die sich unterschieden, zu beheben.

 "Doch ich denke, eine wesentliche Nebenbedingung der erfolgreichen Gründung sollte im Hinblick auf die wissenschaftspolitische Diskussion unserer Tage angemerkt werden. Die Vereinheitlichung der Kalender konnte unmittelbar von den Astronomen geleistet werden. Es bedurfte keiner umfangreichen Grundlagenforschung mit unsicherem Ausgang. Das Wissen zur Umsetzung war bereits vorhanden. Eben das zeichnet heute kein Forschungsinstitut aus, das grundlegend offenen Fragen nachzugehen hat. Das aber gilt auch für die Institution, die international als Forschungsuniversität verstanden wird. Sie ist definiert durch ihren breiten Freiraum der ergebnis-unsicheren, ja der zweck-freien Forschung. Deshalb kann diese Forschung auch nicht über den Markt finanziert werden. Ihre Finanzierung ist ureigenste Aufgabe des Staates, ohne dass dieser der Forschung finale Ziele vorgibt. Leider versucht dies heutzutage die Wissenschaftspolitik, insbesondere die derzeitige Bundesregierung mit ihren Forschungsprogrammen. Das gilt uneingeschränkt für die Europäische Union, die den Einsatz ihrer Forschungsmittel ganz unter die Leitlinie der Kooperation von Forschung und Wirtschaft gestellt hat" (Siebke).

 "Die Fortentwicklungen der Wissenschaften erzwingen auch im Astronomischen Rechen-Institut neue Überlegungen zur Zukunft. Die enge Verbindung zur Universität Heidelberg, unter anderem über eine Personalunion des Institutsdirektors als Ordinarius unserer Fakultät für Physik und Astronomie, sichert Ihnen unsere Unterstützung einer Umorientierung zu, aber auch innerhalb der Universität Heidelberg. Beide Institutionen stehen für ihre Evaluationen ein und akzeptieren die Ergebnisse und die daraus folgenden Konsequenzen." In der Zielsetzung der Evaluation haben Heidelberger Rektor und Wissenschaftsminister von Trotha eine gemeinsame Position. In der Verfahrensfrage widerspreche die Wissenschaft dem Minister: "Evaluation ist ureigenste Aufgabe der Scientific Community, auch in den Verfahrensfragen."

 Alles begann mit einem Monopol auf die Herausgabe von Kalendern

 Ein Blick auf die Historie des Astronomischen Rechen-Instituts: In einem Edikt verlieh der brandenburgische Kurfürst Friedrich III., der 1701 als Friedrich I. der erste König von Preußen wurde, ein Monopol auf die Herausgabe von Kalendern in seinen Gebieten. Er bestimmte, dass neu einzustellende Astronomen diesen verbesserten Kalender astronomisch korrekt berechnen und auch eigene Beobachtungen anstellen sollten. Noch heute werden vom Institut die "Astronomischen Grundlagen für den Kalender" für Deutschland berechnet und veröffentlicht. Diese Institutspublikation, die neben den eigentlichen Kalenderangaben auch Auf- und Untergangszeiten von Sonne und Mond sowie weitere astronomische Phänomene auflistet, wird von den meisten Kalenderverlagen genutzt.

Das Institut wurde 1874 organisatorisch von der Berliner Sternwarte getrennt und erhielt 1896 als "Königliches Astronomisches Rechen-Institut" seine volle Selbständigkeit. 1944 wurde es der deutschen Kriegsmarine unterstellt und wegen der Bombengefahr nach Sachsen ausgelagert. Von dort wurde es im Jahre 1945 im Zuge der Kriegsfolgen nach Heidelberg verlegt. Es ist heute ein Institut des Landes Baden-Württemberg, das eng mit der Universität Heidelberg verbunden ist. Seine Hauptaufgabe ist seit vielen Jahren die Grundlagenforschung auf dem Gebiet der Astronomie. Hier sind die Hauptarbeitsgebiete des Instituts die Astrometrie (auch mit Satelliten) und die Stellardynamik. Aber zusätzlich erbringt das Institut auch astronomische Dienstleistungen in Form der Kalendergrundlagen, astronomischer Jahrbücher und Bibliographien.

 "Kalender machen – gestern und heute"

 Zur Feier des 300. Jahrestages des Kalender-Patents und der Gründung des Astronomischen Rechen-Instituts fand genau am 10. Mai 2000 der Festakt in der Aula der Alten Universität in Heidelberg statt. Es sprachen der Wissenschaftsminister des Landes Baden-Württemberg, Klaus von Trotha, der Rektor der Universität, Professor Siebke, die Heidelberger Oberbürgermeisterin Beate Weber, Physik-Dekan Professor Wetterich, der Vorsitzende der Astronomischen Gesellschaft, Professor Sedlmayr aus Berlin, und der Direktor des Astronomischen Rechen-Instituts, Professor Wielen. Den Festvortrag über "Kalender machen – gestern und heute" hielt Professor Haupt von der Universität Graz.

 Copyright: Pressestelle der Universität Heidelberg

 

 

3. Artikel der Rhein-Neckar-Zeitung Heidelberg :

 

Preußisches Kalenderpatent wird 300 Jahre alt

 Heidelberg (dpa/lsw) - Dass in ganz Deutschland derselbe Kalender benutzt wird, gilt als Selbstverständlichkeit. In Heidelberg ist am Mittwoch daran erinnert worden, dass das nicht immer so war. Mit einem Festakt in der Universität wurde der 300. Jahrestag des Astronomischen Rechen-Instituts und des von ihm verwalteten preußischen Kalenderpatents gefeiert. Prominentester Gast war Wissenschaftsminister Klaus von Trotha (CDU), der «Stolz» auf die astronomischen Forschungseinrichtungen in Baden-Württemberg bekundete.

Hinter dem Kalenderpatent verberge sich ein wichtiger Schritt bei der Vereinheitlichung der Kalender in Deutschland, erläuterte Roland Wielen, der Direktor des Astronomischen Rechen-Instituts, vor dem Festakt. Er fügte hinzu: «1582 hat Papst Gregor XIII den von Julius Caesar eingeführten julianischen Kalender reformiert». Schon lange war nämlich Astronomen aufgefallen, dass das julianische Kalenderjahr zu lang war. Von der Einführung des julianischen Kalenders durch die Römer bis ins 16. Jahrhundert war die Abweichung auf zehn Tage angewachsen. Auf Grund der Initiative des Papstes wurde nach 1582 in katholischen Ländern allmählich der nach dem Kirchenoberhaupt benannte Gregorianische Kalender eingeführt. Die protestantischen Länder erkannten aber die Oberhoheit des Papstes nicht an. Dementsprechend rechneten sie weiter mit dem alten julianischen Kalender.

 Es dauerte mehr als ein Jahrhundert, bis die Kalender in Deutschland wieder vereinheitlicht wurden, in anderen Teilen Europas sogar noch länger. «1699 haben die evangelischen Reichsstände auf dem immerwährenden Reichstag in Regensburg beschlossen, den evangelischen <Verbesserten Kalender> einzuführen», sagte Wielen. «Zufällig» habe dieser mit dem gregorianischen Kalender weitgehend übereingestimmt.

 Im Jahr 1700 machte im protestantischen Preußen der Kurfürst Friedrich III. den Kalender zur hochoffiziellen Staatsangelegenheit. Er erließ per Edikt das Kalenderpatent. Mit der Betreuung des Kalenders beauftragte Kurfürst - später König - Friedrich seine Astronomen. Das war der Ursprung des Astronomischen Rechen-Instituts. Andere Kalender durften in Preußen bis auf wenige Ausnahmen nicht mehr verwendet werden. Ursprünglich in Berlin ansässig, wurde das Institut 1945 an den Neckar verlegt.

 Das Kalenderpatent mache heute aber nur noch «einen sehr geringen Teil» der Institutsarbeit aus. Derzeit seien die Heidelberger Wissenschaftler federführend an der Entwicklung des Satelliten «Diva» beteiligt, der in bisher unerreichter Genauigkeit 35 Millionen Sterne vermessen soll. Die Finanzierung des 100 Millionen Mark teuren Projekts sei aber noch nicht endgültig gesichert. In Heidelberg hofft man, dass die Bundesländer verstärkt Astronomie und Weltraumforschung fördern. Minister von Trotha sagte dazu in seiner Ansprache, dass Baden-Württemberg das «Diva»-Projekt «unterstützt».

 Copyright © rnz-online

Bearbeiter: Webmaster
zum Seitenanfang/up